...Wohl aber mit Farbe

Kunst, speziell die Malerei, ist aus Sehnsucht geboren.
So uralt wie die Menschheit selbst
und so jung, wie das Hier und Jetzt,
bedeutet sie für mich, eine ursprüngliche Begabung des Menschen;
eine Form der Kommunikation als Fähigkeit zur Selbstreflexion
und ebenso zur sozialen Interaktion.
In diesem Sinne tut es gut, die eigene Spur zu finden, selbst- und neuschöpferisch.
Entdeckung macht Freude!
Egal, wie unbeholfen, „Eigen-Art“ braucht ihre Entwicklung.
Kunst „ist“ nicht, sie entsteht in uns. 
Gönnen wir uns den Mut und die Freiheit
nach individueller Wahrnehmung
mit eigenem farbigen Zeichen,
Fläche zu beschenken.
Gute Malerei ist ehrlich, aufrichtig.
Das Wunderbare lässt sich eben oft nicht mit Worten beschreiben …

Wohl aber mit Farbe

Nicht nur Bilder einer Ausstellung

Impressionen von einer Betrachtung der Gemälde von Lioba Siemers in der Ausstellung „LebensFreude LichtGestalten“ von Birgit Niedernhuber und Lioba Siemers im Kreuzgang des Klosters Benediktbeuern.

Gerade noch war der Kreuzgang des Klosters Benediktbeuern leer, nun ist er angefüllt mit Gemälden. Lioba Siemers hat in kürzester Zeit eine enorme Arbeit geleistet. Was für eine Energie!

In den Exponaten, großformatigen Natur- und Landschaftsdarstellungen, die durch Farbintensität und impressiven wie überzeichnenden Pinselstrich gekennzeichnet sind, scheint die vulkanische Wucht ihrer Schöpferin zu wirken und genau das macht wohl ihre Anziehungskraft aus: Energie, die in den Bildern unschwer als Ausdruck von Lebensfreude dechiffrierbar ist, schenkt sich dem Betrachter.

Der Blick auf die Natur, den Lioba Siemers eröffnet, ist vielseitig und perspektivenreich, gerade so – so will es scheinen -, wie sich Natur und Landschaft tatsächlich über den Tag hinweg, im Wechsel der Wetterverhältnisse und im Kreislauf der Jahreszeiten unserer Breiten, immer wieder anders zeigen, vor allem auch aus der jeweils eingenommenen Position einen je unterschiedlichen Anblick bieten und so stets Neues offenbaren.

So ist pralle und sich verschwendende Überfülle der Natur lange nicht alles, was auf den Gemälden zu entdecken ist, die Lioba Siemers dieser Tage im Kloster ausstellt, und den Betrachter bewegt. Nicht die reichen Gaben der Natur allein, auch die Vergänglichkeit und Gebrochenheit des Lebens spiegeln sich in etlichen Motiven wider. Zartheit des Gefühls deutet sich da an und eine seelische Tiefe und Verletzlichkeit, ohne die der Vergänglichkeit nicht beigekommen werden kann, das Thema in Oberflächlichkeit verebbt.

Auswahl und Gruppierung der Exponate schaffen eine lebendige Spannung als Ausdruck des Lebens selbst: hier eine Blumenwiese in hell leuchtenden fröhlichen Farben, dort Erdbeeren in einem Rot, das pure Sinnlichkeit materialisiert, um die Ecke aber eine fast in Uni tiefbraun gehaltenen Leinwand, auf die man schon ein bisschen schauen muss, um zu erkennen, was sich dort fast unmerklich vom Braun des Hintergrunds abhebt: irdisches wie erdhaftes Urgestein, fast ungeformt, leblos erscheinend und doch der Grund, der Leben ermöglicht und auf dem dieses auch entsteht und Halt findet. Und Ähnliches spiegelt sich in einer weiteren Abstraktion ab, einer Leinwand in dunklem Algengrün unter dem Titel „Grüngut“: Natur als Nährboden, der Leben am selben erhält, „Mutter Erde“ schenkt sich aus ihren Tiefen.

Die Symbolik dieser Gemälde liegt auf der Hand: Die Natur als Grund trägt die Existenz, auch so dieser vielfach nicht (mehr) wahrgenommen wird. Bei den Gemälden geschieht die Nichtbeachtung im oberflächlichen schnellen Blick darauf, im eiligen Darüberhinweghuschen, in der Realität aber durch (nur teilweise eilige oder gehetzte) Entfremdung von der Natur. In beiden Fällen wird etwas Wesentliches übersehen: Auch im Dunkel der von der Natur abgehobenen und scheinbar unabhängigen und individualistischen Selbstüberhebung des Geistes trägt die Natur, ob man nun will oder nicht. So werden diese Gemälde zu einer Einladung zur Selbstreflexion, ja geradezu zu einem Appell, die Natur in das eigene Leben zurückzuholen und ihr dem ihr tatsächlich zukommenden Platz einzuräumen.

Prof. Dr. Jürgen Werlitz
Kloster Benediktbeuern
Pressestelle

Nachbarschaftskünstlerin aus Überzeugung

Lioba Siemers will mit ihrem Werk den Menschen nahe sein

Mit wichtigen Ausstellungen, Aktionen und Aktivitäten ist die in Schwelm lebende und arbeitende Lioba Siemers in den letzten Jahren hervorgetreten. Dennoch gewinnt man nie den Eindruck, das Werk der 43-jährigen Künstlerin schon umfassend erschlossen zu haben, das Oeuvre „im ganzen“ verlässlich zu erkennen. So entdecken Liebhaber der monochromen, sanften Großformate, die im Atelier in der Hauptstraße 6a entstehen, nicht wenig überrascht poetische Landschaftsbilder und – so im aktuellen DACHO-Journal – gewitzte Grafiken zu heiteren Geschichten. Eine der größten Überraschungen gelang der vielseitigen Lioba Siemers im vergangenen Winter, als sie im Rahmen des Weihnachtsmarktes in der früheren Adler-Apotheke eine Reihe „nahrhafter“ Bilder präsentierte. Als Motive hatte sie so schlichte wie typische Speisen aus der Region ausgewählt, deren Handfestigkeit sich auch in der humorvollen ästhetischen Aufarbeitung aussprach.

Zur Freude, immer wieder neue Seiten des Werkes kennen zu lernen, tritt die Erleichterung darüber, dass die freiberufliche Künstlerin ihren figuralen Werkbestand nicht gegen ihre abstrakten Arbeiten ausspielt. In der künstlerischen Aussage verfolgt Lioba Siemers stets nur ein Ziel: Den Menschen nahe zu sein.

Modegrafik und Gestaltung hieß das Programm der Studentin in den 80er Jahren an der Neuen Kunstschule Zürich. Kontakte zu Emil Schumacher regten sie zu ersten informellen Arbeiten an, ein Stil, der sie ebenso prägte wie die experimentelle Malerei, die ihr durch Professor Bernhard Matthes nahegebracht wurde. Höhepunkt ihres Studiums für Malerei und Grafik am Institut für Ausbildung in bildender Kunst und Kunsttherapie, Bochum, war der Besuch der Meisterklasse von Prof. Dr. Bruno Konrad (FH Dresden). 2001 eröffnete Lioba Siemers ihr „offenes Atelier bergisches Land“, in dem sie Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Wege ästhetischer Gestaltung aufzeigt.

Es nimmt für Frau Siemers ein, dass sie den gelegentlich spürbaren Hang von Künstlern und Kunstbetrieb zur Ausbildung eines elitären Bewusstseins kritisch kommentiert. Nach ihrem Verständnis muss persönliche Gestaltungsabsicht nicht zu esoterischer Verkapselung führen. Es darf nicht sein, dass Werk oder Künstler den Betrachter in eine kränkende Defensive oder untergeordnete Position drängen, aus der heraus er wie ein Bittsteller Dechiffrierdienste leisten soll. Kunst, die mit dem Betrachter nicht in einen Dialog eintreten will, ist für sie verfehlter ästhetischer Einsatz. Auch das abstrakteste Bild kann eine Verständnisebene zum Publikum herstellen. Auch in dieser Hinsicht versteht sich Lioba Siemers als „Nachbarschaftskünstlerin“.

Ihre figuralen Arbeiten sind unterschiedlich temperiert. Mal setzt sie die Motive schnell, sicher, spart bewusst Details aus und drückt das Wesen des Gegenstandes vor allem durch die Farbwahl und den Schwung des Pinsels oder Zeichenstrichs aus. Dann wieder entstehen ruhige, poetische Landschaften, die den Betrachter förmlich in sich hineinziehen. Landschaften, für die z. B. auch der Schwelmer Wald Modell gestanden hat, Landschaften, die jedermann erkennt und die doch nicht einfach realistisch sind, sondern in denen auf reizvolle Weise die Wahrheit unseres persönlichen Erlebens dieser Natur mitschwingt.

In ihren abstrakten Arbeiten tastet sich Lioba Siemers wie ein Pionier voran. Ohne Vorstellung von der endgültigen Bildsetzung erarbeitet sie in Auseinandersetzung mit Fläche (Struktur), Farben und Formen einen gültigen Ausdruck für bestimmte menschliche Befindlichkeiten, Haltungen und Stimmungen. Es sind überzeugende Versuche, jenseits von existenziellen Gewissheiten Gebiete neuer Erfahrungen ahnend auszuloten. Bilder, die vor Vor-Gänger sind, denen man folgen kann, um sich in ihnen ein Stück weit selbst zu erkennen. Besondere Tiefe gewinnen nicht wenige dieser Arbeiten durch einen meditativen Zug, der sich sicher dem Einfluss von Lioba Siemers früherem Professor Dr. Qi Yang (Bochum) verdankt.

Heike Rudolph
Pressesprecherin Stadt Schwelm

Erde gerochen – Lioba Siemers im Porträt von Sigrid Hofstetter

„Farben sind Taten des Lichts“

„Kaum trefflicher als mit Goethes Zitat, lässt sich zeitgenössische Malerei begründen“, meint die Natur- und Landschaftsmalerin Lioba Siemers. Sie lebt und arbeitet in Reichersbeuern. Wie vielfach im Sujet der Bildenden Kunst erfolgt ihre berufliche Entwicklung auf Umwegen. Nach einer heil- und sozialpädagogischen Ausbildung konzentriert sich Siemers auf den Bereich der Kreativitätserziehung, absolviert dann neben dem Beruf ihren Fachwirt für Handel und Marketing und ist auf dem Gebiet der visuellen Verkaufsförderung einige Jahre erfolgreich im Management tätig. Dann ein radikaler Schnitt. Die inzwischen 35jährige schreibt sich im Institut für bildende Kunst und Kunsttherapie in Bochum ein, durchläuft die Meisterklassen von Bruno Konrad und Shi Yang und eröffnet ihr erstes Atelier nahe Düsseldorf. „Bereut habe ich diesen Schritt nie“, sagt Lioba Siemers, die mit ihren Arbeiten nicht nur auf zahlreichen Ausstellung im In- und Ausland vertreten ist, sondern inzwischen auch das Interesse namhafter Kunstsammler geweckt hat.

Warum ihre Werke so nachhaltig Anklang finden, erklärt sich die Künstlerin so: „Wir haben uns von der Natur entfremdet und damit auch ein Stück weit von uns selbst. Gerade deshalb scheint mit heute die Wiederbelebung des alten Genres der Landschafts- und Naturdarstellung wichtig zu sein. Meine Intention ist: Das Werden und Vergehen unserer Umgebungsnatur in all seinen Erscheinungsformen darzustellen. Den Frühling mit seiner Umtriebigkeit, eine Sommerwiese die in ihrer Fülle und Vielfalt zur Farbsymphonie verschmilzt. Oder die Astern, an einem goldenen Herbsttag soeben noch in ihrer vollen Pracht, und plötzlich bricht ein Schneesturm über sie herein. Das musste ich malen, gestisch und expressiv. Die Blumenköpfe abgeschlagen, für mich ein Bild des Gebrochenseins und doch eines würdevollen Sterbens. Was in der Natur geschieht empfinde ich zutiefst auch als Metapher für unser menschliches Sein“, so die Künstlerin. „Und ich meine, dies erkennt auch der Betrachter darin.“

Auf großen Formaten, mit Acryl auf Leinwand, und in Mischtechnik entstehen ihre Arbeiten vorwiegend in ihrem Atelier. Mit großzügigem Pinselstrich legt sie Schicht um Farbschicht übereinander, spart Stellen aus, um später mit wilden Wischern drüber zugehen; rupft und taucht in die Palette; zielsicher, ohne vorzuzeichnen, arbeitet sie Details heraus. Ob gegenständlich oder nahezu monochrom, ob sonnig, blumig, erdig, oder düstermorbid. Egal was sie auszudrücken sucht: Sieht man Lioba Siemers beim Malen zu, wirkt es als Fege sie im Rausch über die Leinwand, und weiß doch genau was sie ausdrücken will. „Farbe die aus der Seele fließt.“ sagt sie.

Voraussetzung sei allerdings, ständig draußen zu sein. „Gutes Handwerk ist wichtig“, sagt sie. „Auch wenn ich verstärkt in die Abstraktion gehe, will ich mich der Gegenständlichkeit nicht verschließen. Für meine Waldbilder fertige ich viele Studien an.“ Im Wald, wo sich für sie der ewige Zyklus des Werdens und Vergehens offenbart, „die Metamorphose“, verbringt sie Stunden, oft an derselben Stelle, beobachtet das Licht, wie es sich am frühen Morgen verhält, und wie am Abend, wenn die letzten Sonnenstrahlen die Erde berühren. „Ich muss es auch riechen“, sagt sie.

Erde gerochen, so überschreibt sie ihre Waldbilder, die vom 28. Juni bis 13. Juli neben einer Auswahl anderer Arbeiten von ihr im Kloster Benediktbeuern zu sehen sind. Gemälde, in denen man durch Baumstämme hindurch einem geheimnisvollen Licht folgend spazieren gehen kann, und andere in dunklen Erdtönen verfasst oder in moosigem Grün. Ein Mikrokosmos, der ein Universum bringt. „Das wunderbare der Schöpfung kann man nicht mit Worten beschreiben, wohl aber mit Farbe“, so die Künstlerin.